Sonntag, August 07, 2011

So ist es - glaube ich zumindest - gewesen.

Seit Wochen schon vertröste ich, warte ich ab, schiebe ich auf. Ich wollte diese Geschichte erst erzählen, wenn sie zu der geworden wäre, die ich erleben wollte. Weil Seiten aber umgeblättert werden und auch Neues versucht werden muss, erzähle ich es jetzt: Wie ich mich in eine große Frau aus einem kleinen Land verliebte, die meine Sprache sprach, obwohl es nicht ihre war und etwas suchte, das sie zwar noch nicht mit eigenen Augen gesehen hatte, an das sie aber bereit war zu glauben.


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Als wir uns trafen - als wir uns alle trafen auf diesen ersten Metern Wales - warst du vielleicht die erste, die mich interessierte und schon da standest du außer jeder Frage und ich wusste es und erkannte, dass du es auch wusstest. Heute sind wir wieder da. Der Fragenkatalog ist zu, hat immer noch - oder wieder - nichts mit uns zu tun. Ich habe viel mehr gelernt, als ich anfangs hoffte.

"Ich werde allen davon erzählen und alle werden verstehen", so wie es in dem Lied von Tomte heißt, muss eine gute Geschichte sein. Dieses Unglaubliche, dem man beiwohnen durfte, muss geteilt und von anderen verstanden werden. Nie habe ich das so gespürt, wie in den letzten Monaten. Denn die Wenigen, denen ich erzählen konnte, die verstanden nicht. Verstanden nicht, warum ich blieb und was so wunderbar war. Denn sie sahen, dass ich litt und ich wusste es und ich konnte nicht mehr zurück.

Wie wir dieses Leben ausprobieren - mit wie viel Hoffnung und wie viel Einsatz, mit wie viel Gewissheit und wie viel Schmerztoleranz und -erwartung - hängt davon ab, wie wir es verstehen. Was für eine Geschichte unser Leben werden soll, aber auch an welche Geschichten wir selbst glauben können, spiegelt sich nirgendwo so sehr wieder, wie in dem Versuch, uns selbst zu schreiben, zu erzählen.

Aufhören können, hätte ich vielleicht im Mai. Wollte ich im Mai. Als ich ängstlich vor diesem Getöse stand und dachte: "Lass gut sein, lass los, tut nur weh.". Da vielleicht hätte ich es noch gekonnt. Aber während mein Atem zitterte und meine Hände, schluckte ich trocken und summte ein Lied ohne Melodie und sagte: "Musst du riskieren. Man muss sich selbst setzen, um etwas zu gewinnen. Sei kein Feigling!". Da nickte ich und schlug mir die Hände vor den Mund, um nicht aufzuschreien, und machte mich auf den Weg, Undenkbares - nur Ausdenkbares - zu erleben.

Später dann, als in meinem Kopf bereits alles vorerzählt war und ich nichts lieber wollte, als allen alles zu berichten, damit sie verstünden, dass die Welt vielleicht doch ganz anders wäre, als vermutet; später, als Schweigen ein Schmerz war und nicht mehr viel übrig abseits von dem Wunder, das ich abzubilden versuchte und nicht aufschreiben konnte, da war es schon zu spät. Konnte ich nicht mehr zurück. Ich wollte dich aller Welt zeigen, weil du mein großes Glück warst, auch wenn du mich nicht glücklich machtest, auch wenn wir nicht auf derselben Seite des Buches lebten, vielleicht nicht mal im selben Buch. Ich wollte dich aller Welt zeigen und konnte nicht, weil ich nicht wusste wie und nicht, ob du das willst.

Ich war mir nicht sicher zuerst. Ich lag nächtelang neben dir wach und wartete, dass die Welt an die Tür klopft und dich zurückfordert, traute mich kaum, einzuschlafen, weil ich fürchtete, unsere Zeit wäre abgezählt. In dieser unfassbaren Serie schlafloser Nächte, in denen du oft auf die Tür deutetest, weil auch du meintest, dass das sicherer wär, vermochte ich nicht, dir zu erklären, warum ich nicht gehen konnte. Ich schaute dich lange an und wusste nicht, wie ich dir sagen könnte, dass wir sind - oder sein sollten -, was ich an alle Wände malen möchte.


Meine Sprachlosigkeit in diesem Zusammenhang begeisterte mich. Ich probierte Sätze und Worte an und legte sie wieder ab, weil sie nicht passten. Ich horchte in der Morgendämmerung auf die ersten Vögel und deinen Herzschlag und lauerte auf ein Wort, einen Ausdruck, der uns begriff. Dass es so schwierig war, dieses zwischen Buchstaben einzufangen, fand ich großartig, weil es bewies, dass wir ganz und gar echt und neu waren. Echt und neu. So wie alles. Ich wollte die Welt sehen - erst deine und dann die ganze -, ich wollte auf alles zeigen, was mich so froh machte, damit du diese Freude teiltest. Denn Freude muss geteilt werden. Das habe ich auf eine Art und Weise gelernt, die es unmöglich macht, das je wieder zu vergessen.
Und ich bin mir nicht sicher, ob du das tatsächlich verstandest - es war mir ja selbst neu und so nie passiert -: Dass ich dich nicht lieben kann, nicht so wie ich liebe, ohne es mit jedem Atemzug zu erzählen. Dass ich weinte und weinte, weil ich so glücklich war und es niemandem begreiflich machen konnte. Dass ich nie einsamer war als neben dir.



Ich begann mein Land zu vermissen, nur weil ich es dir nicht zeigen konnte. Und als ich zurück war, vermisste ich dich vor allem deswegen, weil ich niemandem erklären konnte, was es bedeutete, dich getroffen zu haben, jemanden getroffen zu haben, dem man sein ganzes Leben anvertrauen möchte, dem man alles sagen könnte, wenn man wollte, dem man sich ergibt.



Als sich die Welt weiter drehte und wieder unzählige Kilometer und einige Landesgrenzen zwischen uns lagen, fragten wir uns, was zu hoffen erlaubt war, und was möglich blieb. Wir sezierten uns und zogen uns aus per Telefon und Email, rüttelten an dem Leben, das unverändert da war außerhalb von Wales und zogen Grenzen mit Bleistift, um sie bei nächster Gelegenheit auszuradieren. Sagten all die Sätze, die immer fallen, wenn man sich verfährt, und meinten sie nicht ernst; beschlossen nicht zu telefonieren und hielten 3 Tage durch; waren im Jetzt und waren trotzdem wir selbst. Und ließen nicht los. Lassen nicht los. Immer noch nicht.


Echt und neu. Noch nie hat dieses Freundebleiben in meinem Leben funktioniert. Noch nie. Ehrlich gesagt, habe ich zum ersten mal überhaupt ernsthafte Hoffnung, es könnte vielleicht gehen. Ich vermisse dich gerade so viel, wie erlaubt ist. Falls es so etwas gibt.Wir sind nicht die Geschichte geworden, die ich erzählen wollte. Ich wüsste nicht, ob ich die Worte hätte, wenn wir sie geworden wären. Und doch. Eine Geschichte. Mit Lücken, die wortlos bleiben müssen und einem offenen Ende.

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