Montag, November 14, 2011

Weil mein Zuhause weit weg ist


„Von hier aus habe ich keine andere Sprache. Ich kann dir Videos mit weißem Rauschen schicken, mit sich brechenden Wellen und hoffen, dass du verstehst, aber ich weiß, es ist zu vage. Von hier aus habe ich keine andere Sprache als die beiden, derer ich versuche Herr zu werden. Über diese Distanz schweigt es sich schlecht gemeinsam. Ich kann deine Gedanken nicht sehen von hier. So vieles geht verloren in dem Knistern in der Leitung, zwischen Bits und Bytes ohne Satzzeichen und Atemzüge.
Leg deine Hände auf die Melodie, die seit Jahren an diesen Wänden steht und schreib unsere Namen darunter. Der Rhythmus aus versetzten Herzschlägen macht ein Lied daraus. Ich zeichne dein Gesicht nach, das fern von hier vielleicht aus einem Fenster schaut, vielleicht auch hinein, zeichne dein Gesicht nach und frage mich, was deine Augen wohl sehen, was sie suchen und erzählen. Meine Finger malen dich auf Tischplatten und Kühlschranktüren. Mein Blick ist heute durch die Luft spaziert, Stuckdecken sammelnd und Fensterbögen, in einer Stadt, in der ich mein Zimmer jede Woche anders streichen will. Das taugt nicht zum erzählen. Es plingt im Kopfhörer. Schon wieder so vieles, das unverstanden bleibt, Sätze, die nicht gemeinsam geschwiegen werden können und die erneute Erkenntnis, dass Sprache so erschreckend wenig kann.
Ich muss dir nicht erst erklären, dass meine Seele heute im Nachtwind flatterte. Deine Hand auf meiner – kilometerweit – erfasst es sofort, ob du es weißt, oder nicht. Es gibt nichts zu erzählen, nichts zu berichten. Wir werden ins Bett gehen mit nichts als der Hoffnung, dass eine höhere Macht – Magnetfelder oder Luftströmungen – auch den Rest von A nach B trägt. Dass nichts verloren geht von dem, was nicht hineinpasst in diese lächerlichen 30 Buchstaben.
Denn von hier aus habe ich keine andere Sprache. Alles, was übrig bleibt (die zitternden Hände, das Ziehen im Brustkorb, gekratzte Namen auf gefrorenen Autoscheiben, den hüpfenden Schritt auf dem Heimweg und das Luftmelodikasolo), vertraue ich der Nachtluft an und denke, dass es gehen muss, dass es schon ankommen wird, jetzt, wo keine Vögel mehr fliegen, nur ein paar Flugzeuge noch.“

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